Portrait Seraina Gläser «Ich sitze und ich leuchte.»

«Ich sitze und ich leuchte»
Eine Geschichte über Selbstwertschätzung
Oder davon, warum Erkrankung auch eine Ressource für uns alle ist
«Ich sitze und ich leuchte.»
Ein wunderbarer Satz einer schwer gezeichneten Schmerzpatientin.
Sie ist durch ihre Erkrankung so stark behindert, dass sie seit vielen
Jahren fast nur noch meditieren, also bewusst «sein», kann.
Davon hat mir meine Therapeutin während einer unserer Sitzungen
berichtet. Sie begleitet mich seit einigen Jahren in meinem sehr oft
überfordernden Alltag mit vielen körperlichen Krankheiten.
Ich bin tief berührt davon, dass diese real existierende Patientin so
viel Kraft und Selbstwertschätzung für sich selbst aufbringen kann.
Dieses persönliche Beispiel inspiriert mich sehr dazu, mich selbst in
meinem Sein vollkommener anzunehmen zu versuchen und mich
darin zu üben, mich weniger anhand äusserer und internalisierter
Leistungsnormen abzuwerten. In einer Welt, in der wir uns oft nur dann als wertvoll empfinden
können; wenn wir möglichst viel Lohnarbeit, Familienarbeit oder
viele Likes in den Sozialen Medien generieren können; ist genau diese
Aussage unglaublich kraftvoll.
Was ist mensch noch wert, wenn mensch keine dieser Tätigkeiten
mehr vollbringen kann?
Ich wünsche mir so sehr eine Gesellschaft, in der sich die Menschen
selbst empathisch und auch wohlwollend kritisch reflektieren.
In meiner Vision ist es möglich, dass wir uns bereits als Kinder darin
üben dürfen, uns selbst und Andere wirklich ehrlich und tief
verbunden wahrzunehmen. Weniger Leistungsdruck, dafür mehr
Hilfe beim Erlernen von sozialen Fähigkeiten. Auch im Umgang mit
uns selbst.
Ich sehe so viel Schönheit und Wachstumsmöglichkeiten darin, wenn
wir alle üben dürften, uns selbst authentisch zu begegnen. Wenn wir
Empathie, wirkliche Konfliktfähigkeiten und Zuhören lernen könnten.
Vielleicht wäre es sogar ein Schulfach, in dem wir als noch ganz junge
Menschen solche grundlegenden und schwierigen Kompetenzen
üben dürften?
In einer Welt; in der so viel Krieg, Vernichtung, Diskriminierung und
Überlastung herrschen; sind solche Fähigkeiten besonders wichtig.
Und was hat das jetzt mit Krankheit, mit Behinderung, zu tun?
Warum kann Erkrankung eine Ressource sein für unsere Gesellschaft?
Gerne erzähle ich Dir das anhand meiner Geschichte:
Mein Name ist Sereina Gläser, ich bin 39 Jahre alt und lebe seit
mehreren Jahrzehnten mit vielen teilweise schweren körperlichen
Erkrankungen, die mich seit jeher an einer normativen
Lebensentfaltung hindern. Unter anderem lebe ich mit einer starken
Wirbelsäulenerkrankung, einer Autoimmunkrankheit, ME/CFS und
Anderem. Seit 11 Jahren ist mir ein selbständiges, freies Leben nicht
mehr möglich. Diese Realität hat mich sehr viel gelehrt. Ich bin sehr
stark mit meiner reichen, lebendigen Innenwelt verbunden und habe
ein starkes Gespür für das Wichtige im Leben entwickeln dürfen.
Obwohl sich schon in meiner Kindheit starke Anzeichen einer
körperlichen Krankheit abgezeichnet und meinen Alltag erheblich
erschwert haben; konnte ich bis und mit 28 Lebensjahren einen
einigermassen Norm-gerechten Alltag durchboxen:
Ich war immer sehr sportlich; mitten in meinem erfolgreichen
Psychologiestudium, lebte in einer erfüllenden Liebesbeziehung und
hatte zahlreiche freundschaftliche Kontakte. Doch dann, auf einen
Schlag, ging es mir innert einem halben Jahr so schlecht, dass ich zu
einem Pflegefall wurde. Ich konnte nicht mehr länger als 15-30
Minuten am Stück gehen und auch das oft nur noch mit Pausen.
Das Essen hat mich so überlastet, dass ich es fast nur noch im Liegen
konnte. Bis heute ist das längere aufrechte Sitzen auf Stühlen für
mich eine körperliche Überlastung.
Diese Lebenserfahrung war schwer traumatisierend: Ich musste
sämtliche Träume und Lebenspläne aufgeben, mein Leben hat sich
komplett auf den Kopf gestellt.
Die meisten meiner Mitmenschen, inklusive meiner ganzen Familie,
hat sich aus dem Staub gemacht. Wären mein damaliger Partner (der
mein heutiger Ehemann ist) und meine damals beste Freundin nicht
gewesen, ich würde heute nicht mehr leben. Das weiss ich mit
Sicherheit. Denn kein staatliches Amt und kaum eine ärztliche
Fachperson hat sich je wirklich für mich eingesetzt, mich entlastet.
Das ist leider kein Einzelschicksal. Ich habe in den letzten 11 Jahren
unzählige solcher Schicksale kennenlernen dürfen. Wir chronisch
kranken Menschen und unsere Angehörigen sind so oft die
Vergessenen, leben und kämpfen im Schatten dieser Gesellschaft.
Als Folge meiner Erkrankungen lebe ich zudem mit schweren
Traumatisierungen aufgrund der massiven Abwertung, Ausgrenzung,
Behinderung, die ich erlebt habe. Leider wiederholt sich vieles davon.
Und warum sehe ich mein Schicksal und das vieler anderen
Betroffenen trotzdem noch als Gewinn und Chance für uns alle?
Krankheit kann Dich so sehr im Leben behindern, dass Du gar nicht
mehr verdrängen und wegschauen kannst.
Du musst fühlen, wahrnehmen, spüren.
«Was ist mir wirklich wichtig in meinem Leben und meinem
Umfeld?»
Krankheit fördert Achtsamkeit, Empathie und Erkenntnis.
Meine Erkrankungen haben mich dazu inspiriert, mir noch mehr Zeit
zu nehmen für meine Kreativität und meine sozialen Kompetenzen.
Ich habe so viel auszudrücken durch meinen Tanz und durch meine
Skulpturen, Texte oder Bilder. Ohne dabei einem Erfolgsdruck,
Prestige oder wirtschaftlichen Einnahmen hinterherzujagen.
Wir stehen unter so hohem Druck, es allen recht zu machen.
Unsere gesamte Energie fliesst in unser alltägliches finanzielles
Überleben und die Versorgung Angehöriger.
Oft verlieren wir uns selbst dabei so schnell.
Könnte ich wählen, wäre ich natürlich auch lieber gesund und könnte
mich entfalten wie ein Schmetterling.
Doch ich frage mich: Könnte ich das wirklich?
Ich bin mir nicht so sicher.
Zum heutigen Zeitpunkt, in dem wir in so vielen Bereichen des
Lebens immer noch mehr und mehr sein, haben und leisten müssen;
zweifle ich daran, dass ich mich frei genug entfalten könnte.
Aktuelle psychiatrische Studien zeigen, dass sich ein immer grösserer
Teil der Menschen in unserem Land überlastet und krank fühlt.
Erschöpfung und Depressionen nehmen, nachweislich messbar, stark
zu.
In der Schweiz leben, laut Bundesamt für Statistik, rund 30% der
Bevölkerung mit chronischen Krankheiten und somit mit
Behinderung. Tendenz steigend.
Nicht selten kann diese Realität auch zu erhöhter Suizidalität führen.
Wie wertvoll, wie befreiend und bereichernd wäre es, genau aus
diesen Gründen wieder Raum und Kapazität zu haben, sich selbst und
unsere Mitmenschen spüren zu dürfen? Überhaupt Zeit und Raum
für ein echtes Miteinander zu haben?
Wie wichtig ist genau hier, dass wir auch die Möglichkeit bekommen,
gesehen und gehört zu werden und auf andere Mitmenschen und
Lebewesen einzugehen?
Krankheit ist eine unfreiwillige Chance, den normierten Schnellzug zu
verlangsamen. Krankheit ist eine Inspiration und ein Vorbild, auch für
vermeintlich gesunde Menschen, sich und einander wieder
wahrzunehmen.
Krankheit ist eine Ressource unserer Gesellschaft, umzudenken.
Sogar in klimafreundlicher Hinsicht.
Krankheit erinnert und verbindet uns alle mit der eigenen Fragilität,
Verletzlichkeit und Sterblichkeit, die wir nur allzu gerne einfach
ausklammern möchten.
Krankheit ist Klarsicht, Verbindung, Überlebenskunst.
Krankheit ist psychologische*r und spirituelle*r Lehrmeister*in.
Krankheit kann die Weitsicht öffnen und inspirieren.
Krankheit kann Empathie fördern.
Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der es allen Menschen möglich
ist, sich und die Umwelt empathisch wahrzunehmen. Diejenigen
Lebensschritte gehen zu dürfen, die für einen wirklich wichtig sind.
Ohne dabei egozentrisch und hyper-individualistisch zu sein.
Ohne dabei narzisstische Normen zu reproduzieren oder uns immer
mehr optimieren zu müssen.
Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Kranke und Angehörige
sicher getragen, wertgeschätzt werden und viel weniger ein
Mahnmal dafür sein müssen, was für uns alle konstruktiver und
zugänglicher sein müsste.

Sereina sitz auf einer Terasse in der Sonne mit geschlossenen Augen. Sereina hat rot blondes Haar. Auf dem Tisch liegen Papier und Stifte sowie steht dort eine Tasse. Im Hinterdrung ist ein Haus und Schneebedeckte Berge zu sehen. Sereina trägt eine dunkelblaue Jacke.