Ableismus & Care Arbeit Streik 2026
Ableismus & Care Arbeit, by Suna Kircali
In diesem Text schreibe ich über die Themen Behindertenfeindlichkeit und Fürsorgearbeit im Rahmen von dem feministischen Streik 2026. Ich teile meine Gedanken zum Krankenkassensystem in der Schweiz, zu Institutionalisierung von behinderten Menschen und zu den Arbeitsbedingungen von Pflege- und Putzpersonal. Zu merken ist, dass auch behinderte Menschen viel Care Arbeit leisten in ihrem Alltag. Oft werden wir nur als Care erhaltende Personen gesehen und es wird vergessen, dass wir manchmal genau wegen unserer Behinderung auch für andere Menschen besonders viel Care Arbeit leisten. Dies ist eine weitere unsichtbare Mehrfachbelastung. Dies wird jedoch in diesem Text nicht weiter thematisiert, ist aber im Kontext von Care Arbeit und Ableismus wichtig zu benennen.
Suna Kircali (they/them), BiPOC, CPTSD, Autismus, ADHS, Non-Binär, Queer, Studiert
Ableismus: leitet sich von dem englischen Wort able = fähig ab und beschreibt das systematische Diskriminieren von Menschen mit Behinderungen aufgrund einer angeblichen Mangelhaftigkeit von körperlichen oder geistigen Fähigkeiten (1).
Diskriminierung: bedeutet, dass Menschen anhand eines Charaktermerkmales strukturell ausgebeutet, abgewertet, unterdrückt und innerhalb einer Gesellschaft ausgeschlossen werden.
Mehrfachdiskriminierung: Menschen erfahren Diskriminierung (Ausbeutung, Abwertung, Unterdrückung, Exklusion) aufgrund von mehreren Merkmalen und weil sie in einer spezifischen Kombination auftreten.
Care-Arbeit: aus dem englischen abgeleitet und bezieht sich auf Fürsorgearbeit. Care = Kümmern und kann somit ein breites Spektrum an bezahlter und unbezahlter Arbeit beinhalten, wie emotionale, reproduktive, pflegerische Arbeit, oder Reinigungsarbeit, hin bis zu medizinischer Erstversorgung.
FLINTA: Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans und agender Personen
Wie sind wir Menschen mit Behinderungen von der Care-Krise betroffen?
Care Arbeit oder auch Fürsorgearbeit ist eine durch den Kapitalismus immer knapper werdende Ressource (2). Was dabei auffällt ist, dass es viele Menschen gibt, welche sich gerne an unbezahlter Care Arbeit bedienen. Das zeigt sich z.B. daran, dass Flinta-Personen auf der Strasse von Menschen angequatscht werden und ungefragt als emotionale Stütze für fremde Menschen instrumentalisiert werden. Unglücklicherweise wird Care / Fürsorge oft dort gebraucht, wo es auch viel Not und Leid gibt. Daher ist es besonders schwierig diese Arbeit zu verweigern und eine Person auch in ihrer Not allein lassen. Teilweise ist es unmöglich, die erfragte Care-Arbeit nicht zu leisten, da ein Unterlassen der benötigten Hilfe die Menschenrechte verletzten kann. Laut dem Bundesamt für Statistik leisten Flintas 34,9h unbezahlte Care Arbeit pro Woche, wobei es bei den Männern nur 22,8h pro Woche sind (3).
Wie steht es um die bezahlte Sorgearbeit?
Die Finanzierung von institutionalisierter Carearbeit funktioniert zum grössten Teil über unsere Krankenkasse und wird über unser Gesundheitssystem mittels Hausärzt*innen, Spitexbesuchen und Spitalaufenthalten organisiert. Doch eigentlich ist schon seit dem Streik 1991, 2019 und 2023 und spezifisch auch seit Corona besonders sichtbar, wie prekär die Arbeitsbedingungen für alle Pflegeangestellte und Patient:innen eigentlich sind. Durch die Effizienzsteigerung im System ist die gesamte Gesundheitsbranche unterfinanziert, was zu stressigen Arbeitsbedingungen und verstärktem Personalmangel führt. Immer mehr Menschen verlassen den Pflegebereich (4). Andauernde prekäre Arbeitsbedingungen beobachten wir auch beim Putzpersonal. In dieser Branche arbeiten besonders oft Personen mit Migrationsgeschichte und verdienen immer noch nur 21 Franken in der Stunde (5).
Wir Menschen mit Behinderungen, sind mehrfach darauf angewiesen, dass es dem Pflege- sowie Putzpersonal gut geht.
Der Grund dafür ist einfach: Dadurch, dass wir gesundheitlich noch mehr Unterstützung brauchen, sind wir noch mehr Care Arbeit angewiesen. Dabei wollen wir nicht als Objekt behandelt werden, sondern ein Mitspracherecht haben in dem wie mit uns umgegangen wird und wie um uns gesorgt wird. Das ist insbesondere wichtig, weil wir meistens sehr spezifische Bedürfnisse haben aufgrund unserer körperlichen oder psychischen Grundgegebenheiten. Darum ist es wichtig, dass wir nicht als Produkt betrachtet werden, welches man «abarbeitet» und so schnell und effizient wie möglich behandelt. Wir brauchen vollumfassende Fürsorge, Menschlichkeit und eine Pflege, welche auf das Tempo unseres Körpers oder Psyche angepasst ist.
Es gibt noch eine weitere soziale Dimension, welche auf den ersten Blick im Diskurs über Care Arbeit nicht immer sichtbar wird. Je stärker wir von Behinderung in der Gesellschaft betroffen sind, umso mehr erfahren wir das Ausgeschlossen und isoliert werden. Dort wo die Vereinzelung und Isolation von Menschen mit Behinderungen beginnt, ist oftmals auch ein Mensch für einen Lohn angestellt, durch deren Pflege und Kontakt noch eine Verbindung zur Normgesellschaft besteht. Es geht also nicht nur um die pflegerische Arbeit an sich, sondern manchmal auch um den Kontakt zu einem Netzwerk an weiteren Menschen, der im Falle einer Isolation aufgrund von Behinderung fehlt.
Institutionen, Isolation und Psychiatrie für mehrfachdiskriminierte Personen
Weil in der Schweiz einige Menschen mit Behinderungen schon früh vom Rest der Gesellschaft separiert werden und langfristig in Institutionen wie Behindertenwohnheimen leben, ist unsere Gesellschaft es sich nicht gewohnt inklusiv und barrierefrei zu denken und zu handeln. Dies macht es für uns Menschen mit Behinderungen besonders schwierig eigenständig eine Verbindung und Integration zur sogenannten Normgesellschaft herzustellen. Diese Unkenntnisse über Barrierefreiheit innerhalb der Gesellschaft führt zu weiterer sozialer Isolation, Depression und kann zu einer weiteren Institutionalisierung in z.B. eine Psychiatrie führen, da der mentale gesundheitliche Zustand sich verschlechtert und professionelle psychologische und psychiatrische Arbeit abverlangt. Leider erleben diese Menschen in diesem Prozess nicht nur Institutionalisierung, sondern auch weitere soziale und gesellschaftliche Isolation, was für die mentale Gesundheit eine zusätzliche Herausforderung bedeutet. Der Mechanismus von Institutionalisierung, Ausgrenzung und psychischer Belastung wird zu einer kaum bremsbaren Negativspirale.
Erstaunlich ist, dass unser Gesundheits- sowie unser Gesellschaftssystem tatsächlich noch nicht erkannt hat, wie inneffizient diese Dynamiken sind. Eigentlich müsste man meinen, dass es sich der Kapitalismus nicht leisten kann, so viele psychologische und psychiatrische Arbeit leisten zu müssen. Gerade Menschen, die über längere Zeit psychische Unterstützung benötigen sind besonders teuer für die Krankenkassen. Aktuelle Forschungen in der Schweiz zeigen auf, dass die höchsten Kosten für Krankenkassen durch psychische Erkrankungen entstehen (6).
Es ist ein Glück, dass wir Institutionen wie Psychiatrien haben, welche Menschen in grossen Krisen Hilfe leisten können. Aber es ist auch ein Problem, dass es solche Orte gibt, wo wir psychisch erkrankte Menschen hinschicken können, sie eventuell mit Medikamenten stillgelegt werden und «Professionelle» diese Arbeit übernehmen. Denn was dabei passiert – aus behindertenperspektive – ist, dass die strukturellen Probleme wieder in eine Institution verlagert werden.
Hinsichtlich dieser Frage sehen wir uns mit Widersprüchen konfrontiert, die eine eigene Diskussion verlangen. Den, um Ableismus/Behindertenfeindlichkeit abzuschaffen (was ja das übergeordnete Ziel sein muss, da Ableismus an sich problematisch und moralisch verwerflich ist) muss die Normgesellschaft lernen mit den Bedürfnissen von behinderten Menschen umzugehen und so wenig Menschen wie möglich sollten institutionalisiert werden.
Das Kapitalismus Monster im Gesundheitssystem
Doch was sollen wir tun, wenn die meisten Menschen keine Zeit haben und sich auch nicht wirklich dafür interessieren, barrierefreie Fürsorgearbeit zu leisten? Hier Verspüren viele von uns Ohnmacht. Ohnmacht gegenüber einer ableistischen Staatsstruktur und dem globalen Kapitalismus Monster, dass uns Stück für Stück unsere Menschlichkeit raubt.
Im Kapitalismus mögen Menschen mit Behinderungen schwach erscheinen. Doch es gibt noch einen anderen Blickwinkel auf diese besondere gesellschaftliche Position: Weil wir krank und behindert sind, sind wir auf menschliche Fürsorge angewiesen. Es ist etwas sehr normales bzw. menschliches diese Fürsorge in Anspruch zu nehmen. Doch der Kapitalismus entmenschlicht uns und verwandelt uns zu funktionierenden Robotern um. Aber um überleben zu können müssen wir mit unseren Krankheiten die Fürsorgearbeit immer wieder einfordern. Es wird schon fast unkonventionell so viel Menschlichkeit einzufordern.
Viele von uns leben ihr ganzes Leben lang mit diesen Behinderungen und sind auf nachhaltig organisierte pflegerische Arbeit angewiesen.
Wir fordern ein, dass es den pflegenden Menschen gut geht, weil wir sie in unserem Alltag so intensiv brauchen, dass es für uns zum Akt der Selbstfürsorge wird, für gerechte Löhne von Putz- und Pflegearbeiterinnen zu kämpfen.
Und da sind wir Menschen mit Behinderungen stärker als viele andere: Weil wir müssen, sind wir besonders laut und deutlich darin nach Fürsorgearbeiten zu fragen und dabei auch qualitative Standards zu verlangen, die dem System langfristig und insgesamt guttun.
Wir werden weiterhin dafür einstehen, dass die Menschen die uns Pflegen die Zeit, den Lohn und den Respekt erhalten, welcher ihnen zusteht. Denn am Ende des Tages, sind es genau diese Menschen, welche dazu beitragen, dass wir überleben können.
Quellen:
- Schidel, Regina. » Behinderung «und Gesellschaft: Ableismus in philosophischer und sozialtheoretischer Perspektive. Suhrkamp Verlag, 2025.
- Fraser, Nancy. Cannibal capitalism: How our system is devouring democracy, care, and the planet and what we can do about it. Verso books, 2023.
- Bundesamt für Statistik: Vereinbarkeit von Beruf und Familie, unbezahlte Arbeit: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/arbeit-erwerb/erwerbstaetigkeit-arbeitszeit/vereinbarkeit-unbezahlte-arbeit.html
- Unia Care Manifest* Für gute Pflege und Betreuung: https://unia.ch/fileadmin/user_upload/Beruf-Branchen/Pflege-Betreuung/2025_Care-Manifest_07.pdf
- 20 Jahre GAV Reinigung: positive Bilanz – doch weiterhin viel zu tun. 1.07.2024. https://unia.ch/de/aktuell/artikel/a/21286
- Stucki, Michael, et al. "What drives health care spending in Switzerland? Findings from a decomposition by disease, health service, sex, and age." BMC health services research1 (2023): 1149.)